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Kleiststadt Frankfurt (Oder). Stadtentwicklung & Integriertes Stadtentwicklungskonzept (INSEK)

Stefan Rätzel (Abteilung Gesamtstädtische Stadtentwicklung Frankfurt (Oder)), stellt das Integrierte Stadtentwicklungskonzept von Frankfurt (Oder) vor und geht insbesondere auf die Herausforderungen für die Stadtentwicklung ein, die sich durch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Slubice ergeben.

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Inhalte: 

  • Stadtprofil und -entwicklung von Frankfurt, ihrer polnischen Nachbarstadt Słubice und ihrer umgebenden Region unter Berücksichtigung der Historie mit ihren direkten und indirekten Auswirkungen

  • Doppelstadt Frankfurt (Oder)/Słubice als Besonderheit der grenzüberschreitenden polnisch-deutschen Zusammenarbeit an einer Landesgrenze innerhalb des Schengen-Raumes

  • Integriertes Strategisches Entwicklungskonzept (INSEK) 2014-25 als Instrument zur Ordnung und Abwägung aller relevanten Interessen und Planungen sowie als Gesamtstrategie für öffentliches und privates Handeln

  • Bevölkerungs- und Wohnraumentwicklung

 

Problemlagen: 

  • Grenzüberschreitend gemeinsame Historie und getrennte Entwicklung in Folge des 2. Weltkrieges

  • Neue Anforderungen in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit nach EU-Beitritt Polens 2004 und Beitritt Polens zum Schengen-Raum 2007   

  • Randlage von Frankfurt im generell strukturschwachen Bundesland Brandenburg

  • Funktionsverluste und Kapazitätsüberhang im Zusammenhang mit negativer demographischer Entwicklung

   

Ergebnisse: 

  • Neuausrichtung von Leitbildern und Zielen der Stadtentwicklung

  • Neue Qualität der regionalen Zusammenarbeit (Umland) und der Zusammenarbeit mit Słubice/Polen

  • Besinnung auf regionale Stärken und Qualitäten im überregionalen Wettbewerb zwischen den Städten und Regionen

  • Optimierung und Bündelung von Vorgaben zum Mitteleinsatz (Strategie zum effizienteren Wirtschaften)

  • Steuerung von Rückbau- und Anpassungsbedarfen bei Wohnbauten und sonstigen infrastrukturellen Einrichtungen (Versorgung, Medien usw.)

 

Kurzer Abriss der Stadtentwicklung:

Frankfurt (Oder) bekam im Jahre 1253 als Frankfurt an der Oder das Stadtrecht verliehen. Die ersten Siedler kamen aus Franken (Gallier/West- und Südwesteuropa). Die lateinische Bedeutung von „Gallus“ ist „der Hahn“, der auch bis heute im Stadtwappen geführt wird.

Im Mittelalter war die Stadt neben Brandenburg an der Havel das bedeutendste wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Mark Brandenburg. Erst später erstarkte Berlin. Von 1430 bis zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jhd. war Frankfurt im Bund der Hansestädte. Die erste Landesuniversität Brandenburgs nahm im Jahre 1506 in Frankfurt ihren Betrieb auf. An ihr studierten zahlreiche berühmte Persönlichkeiten, so die Gebrüder Humboldt. Die Universität wurde 1811 nach Breslau in Schlesien (heute Wrocław/Polen) verlegt (nachdem es in Berlin zur Gründung der Universität, der heutigen Humboldt-Universität, gekommen war und in Schlesien eine Universität fehlte). Im Juli 1991 – wenige Jahre nach der „Wiedervereinigung“ Deutschlands (1990) – wurde sie wiedergegründet (als Europa-Universität Viadrina).

Stadtstrukturell war Frankfurt – entsprechend der historischen Bedeutung und dem mittelalterlichen Ausbau – eine besonders im Zentrum stark verdichtete, baulich und funktionell sehr kleinteilige Stadt. Es gab unter anderem eine hohe Dichte an Wohnraum und gewerblichen Einrichtungen. Auf der östlichen Seite der Oder befand sich die sogenannte Frankfurter Dammvorstadt, ein im Überflutungsbereich der Oder bei Hochwasser gelegener Stadtteil, der +/- komplett durch Eindeichung vor Überschwemmungen geschützt wurde. In ihrer höchsten Blüte war Frankfurt eines der bedeutendsten Handelswegkreuze in Europa.

Im Zuge des 2. Weltkrieges wurde die Altstadt fast komplett zerstört und – durch die Verschiebung der deutsch-polnischen Grenze nach Westen – die Oder Grenzfluss. Der östlich der Oder gelegene Teil (ehemalige Dammvorstadt) wurde zur Stadt Słubice an der neuen Westgrenze von Polen. Wenig später kam es – in Folge der unterschiedlichen globalpolitischen Interessen der 4 Siegermächte England, Frankreich, USA und Sowjetunion – zur Teilung Deutschlands in die Bundesrepublik Deutschland (BRD = Einflusszone von England, Frankreich und der USA) sowie die Deutsche Demokratische Republik (DDR = Einflusszone der Sowjetunion). Frankfurt (Oder) lag nun an der Ostgrenze der DDR zu Polen.

Beim Wiederaufbau der Teile westlich der Oder, dem heutigen Frankfurt, wurde nicht auf die historische Stadtstruktur zurückgegriffen. Es erfolgte – nach neuen „modernen“ Grundsätzen der Stadtentwicklung und vor allem in den 1950- und 1960er Jahren stark geprägt von der „Sowjetischen Schule“ – eine komplette Neugliederung. Auch Straßenverläufe und sonstige ober- und unterirdische Infrastruktur- und Versorgungselemente ordnete man weitgehend neu. Namentlich die Bebauungsdichte wurde nunmehr gegenüber der historischen Bebauung extrem verringert. In zentralen Bereichen wurden gesamtstädtische Funktionen nur noch in relativ geringem Maße angesiedelt. Vielmehr integrierten die Planer viele Versorgungsfunktionen (z.B. Handel und Versorgung für den täglichen Bedarf, aber auch sonstige Einrichtungen, wie Kindertagesstädten, Schulen, medizinische Einrichtungen usw.) direkt in große Wohnquartiere, welche in oft peripheren Lagen der Stadt neu entstanden. In dieser Zeit stieg die Bevölkerungszahl erheblich an, gesteuert über eine gezielte Ausbau- und Ansiedlungspolitik der zentralisiert organisierten DDR-Verwaltung. Wie in sehr vielen Städten der Welt richtete sich besonders in den 1970- und 1980er Jahren die Stadtstrukturausbildung zudem immer stärker an vermeintlichen Anforderungen eines „modernen“ Straßenverkehrs, zuungunsten der Urbanität und Lebensqualität für die Bewohner, aus.

Mit dem politischen Umbruch und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten sowie dem EU- und Schengen-Beitritt von Polen hat sich die Situation für Frankfurt seit 1990 elementar geändert. Einerseits hat die Stadt in den letzten 25 Jahren durch demographische Prozesse (zunehmende Überalterung, starker Sterbeüberschuss) und Wegzug von Personen (überwiegend arbeitsmarktbedingt) ganz extrem viele Einwohner verloren, und zwar ca. 30.000 Personen (von knapp 90.000 im Jahre 1989). Andererseits haben sich die Beziehungen zu Polen außerordentlich verbessert (u. a. freizügige Grenze ohne – obligate – Grenzkontrollen). Heute bestehen funktionell schon teilweise sehr enge Beziehungen, so dass zum Beispiel bei der Nutzung und Auslastung von öffentlichen Einrichtungen (Schwimmbad, Einzelhandel usw.) oder bei der technischen Infrastruktur (z.B. grenzüberschreitende Buslinie, gemeinsame Fernwärmeversorgung) die Bevölkerung von Frankfurt (Oder), zurzeit knapp 60.000 Einwohner sowie die von Słubice, zurzeit ca. 20.000 Einwohner zusammen zu berücksichtigen sind.

 

Integriertes Stadtentwicklungskonzept 2014-2015 (INSEK):

Mit dem INSEK 2014-25, welches die 1. Fortschreibung des INSEK 2007/2009 darstellt, wurde ein verbindlicher planerischer Überbau auf gesamtstädtischer Ebene gebildet. Außerdem greift es regionale Fragen auf und ist teilweise bis in die konkrete Objektplanungsebene hinab präzisiert (Schwerpunktvorhaben der kommenden Jahre). Es ist das entscheidende zentrale Steuerungsinstrument vor allem für eine mittel- und langfristig angelegte Stadtentwicklungsstrategie. Sein planerischer Horizont geht konkret bis zum Jahre 2020 und prognostisch bis ca. 2030.  Es bündelt alle kommunalen (sektoralen) Planungsvorstellungen (z.B. aus Wirtschaft, Verkehr, Bildung, Kultur und Daseinsvorsorge). Dabei ist es auf ganz wesentliche Analysen und Kernaussagen beschränkt (hohe planerische Abstraktionsebene). Seine Anwendung, Funktion und Wirkung richtet sich einerseits nach innen (z.B. zur Priorisierung von eigenen bzw. externen Investitionen und beim Kapazitäten- und Mitteleinsatz) und andererseits nach außen (z.B. bezüglich der Entscheidung zum Fördermitteleinsatz im Gebiet der Stadt durch externe Institutionen wie Europäische Union/EU, Bund, Land). Es ist die zentrale Grundlage zur Entscheidung über den Mitteleinsatz.

Das INSEK gliedert sich in der übergeordneten, abstrahierenden Ebene in drei wesentliche Bereiche. Das Leitbild „Doppelstadt Frankfurt (Oder)/Słubice – Europa gemeinsam gestalten“ fasst die konsequente Neuausrichtung der Stadtentwicklungsstrategie auf eine enge Zusammenarbeit mit der polnischen Schwesterstadt zusammen. Darunter gliedern sich drei Leitbildbereiche welche wiederum mit je 6-8 Entwicklungszielen untersetzt sind; darunter soziale, ökologische, wirtschaftliche und verkehrliche Themen. Außerdem werden im INSEK neun sogenannte „Zentrale Vorhaben“ dargelegt. Davon sind vier gesamtstädtisch angelegt und fünf teilräumlich verortet. Diese „Zentralen Vorhaben“, welche als Maßnahmenbündel zu verstehen sind, werden mit zahlreichen Einzelbausteinen untersetzt. Sie umreißen die Schwerpunkte des Handelns von Stadt und öffentlicher Gesellschaft im Geltungszeitraum des Konzeptes. Durch Herbeiführung eines politischen Beschlusses in der Stadtverordnetenversammlung Frankfurt im Mai 2014 und die inhaltliche Abstimmung mit dem Land (zuständige Ministerien und nachgeordnete Institutionen), wurde für die Inhalte und Zielstellungen des INSEK 2014-25 Verbindlichkeit hergestellt. Für die Umsetzung der Zentralen Vorhaben ist zudem eine Berücksichtigung in den jeweiligen Jahreshaushalten der Stadt gesichert.

Da Frankfurt an der Oder – wie viele Städte in Deutschland, abseits der großen Ballungszentren – unter einem enormen Bevölkerungsrückgang leidet, nehmen auch im INSEK der Umgang mit Überhängen im Wohnungsbestand sowie die optimale, effiziente und dauerhaft leistungsfähige Anpassung der technischen Versorgung einen wesentlichen Raum bei den Betrachtungen ein. Seit dem Jahr 2004 sind in Frankfurt (Oder) knapp 9.000 Wohnungen (WE) abgerissen worden. Bereits geplant ist der Rückbau von weiteren ca. 1.500 WE. Trotzdem werden im Jahr 2025, nach unseren Prognosen, bei Anhalten der aktuellen Trends und Entwicklungen, weitere rund 3.500 WE (über die Mobilitätsreserve von 3% hinaus) leer stehen.  Es wird beim Rückbau nach dem Prinzip „Schrumpfen von außen nach innen“ vorgegangen. Nicht zuletzt, um das Stadtzentrum und andere Stadtbereiche durch Verdichtung und Funktionskonzentration zu stärken und möglichst effizient die notwendige Anpassung aller Arten von Versorgung und Infrastruktur zu bewerkstelligen. Trotz des Rückbaubedarfes besteht – in erheblich kleinerem Maße – auch Neu- und Umbaubedarf, weil teils heute an den Wohnraum von der Bevölkerung andere Ansprüche gestellt werden, teils erhaltenswürdige Gebäude erst modernisiert werden müssen.  

Frankfurt (Oder) hofft, in enger Zusammenarbeit mit Słubice, durch eine weltoffene, tolerante Lebenskultur und durch die darauf ausgerichtete Stadtentwicklungspolitik einer positiven, gedeihlichen Zukunft entgegen zu gehen.

 

Autor: Stefan Rätzel, Gesamtstädtische Stadtentwicklung Frankfurt (Oder)

 

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