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Interkommunale Kooperation von Städten mit historischem Stadtkern

Hathumar Drost (Complan Kommunalberatung) stellt in diesem Artikel die Geschichte und die aktuellen Herausforderungen der interkommunalen Kooperation von Städten mit historischem Stadtkern vor.

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Die deutsche Hauptstadt Berlin ist umgeben vom Land Brandenburg, das sich durch weite landwirtschaftlich geprägte Landschaften, ausgedehnte Wasser- und Seengebiete und eine Vielzahl von kleineren und größeren Städten auszeichnet. Dieser Landstrich war zu keinem Zeitpunkt von übermäßigem Reichtum geprägt, so dass die Städte sich als Orte für Produktion und Warenaustausch gegründet hatten. In ihrer Weiterentwicklung haben sie im Laufe der Geschichte viele Veränderungen erfahren. Städte wie Potsdam und Rheinsberg profitierten von Repräsentationsansprüchen der Königshäuser, andere Städte von speziellen Ausrichtungen des Handwerks, wie beispielsweise Wittstock von den Tuchmachern. Besonders einschneidend für alle Städte war der 2. Weltkrieg, der besonders im Frühjahr 1945 Zerstörung unterschiedlichen Ausmaßes mit sich brachte. Zur Zeit des Sozialismus wurden zahlreiche erhalten gebliebene Stadtkerne genutzt, aber es erfolgte keine grundlegende Instandhaltung und fortlaufende Erneuerung der städtischen Bausubstanz.Rheinsberg.jpg

Im Nachgang der politischen Wende galten Anfang der 1990er Jahre viele historische Stadtkerne für einen nennenswerten Teil der Immobilienwirtschaft, für Baufachleute, Politiker und auch für Stadtbewohner als nicht zu retten.
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Einzelne bedeutsame Denkmale könnten eine Zukunft haben – aber das Stadtquartier als Lebens- und Arbeitsort bei weitgehendem Erhalt der so offensichtlich maroden Substanz? Das überstieg das Vorstellungsvermögen von Laien und Fachleuten. In der Aufbruchsstimmung der ersten Hälfte der 1990er Jahre hatten der Erhalt und die Nachnutzung der historischen Bausubstanz nur bedingt Priorität. Auf der kommunalen Ebene waren zeitgleich viele Themen der Infrastruktur- und Wirtschaftsentwicklung zu bearbeiten. Nur in wenigen Städten stand – anknüpfend an die Anliegen der Bürgerbewegungen in der DDR – die Erhaltung von historisch geprägten Stadtquartieren im Fokus. Dort lebten unter eher bescheidenen Wohnbedingungen vorwiegend alte Menschen und solche, die in der Gesellschaft keinen besseren Platz gefunden oder angestrebt hatten. In den ländlich geprägten historischen Stadtkernen waren jedoch auch viele Gebäude in privatem Eigentum verblieben und wurden von ihren Bewohnern, trotz der sich im Laufe der Jahre verschärfenden Materialknappheit, mit großem Engagement instand gehalten. Teilweise wurden in den Erdgeschossen private Läden betrieben und die Inhaber wohnten im Obergeschoss. Zahlreiche Gebäude wurden jedoch von den kommunalen Wohnungsverwaltungen bewirtschaftet und nur im notwendigsten Umfang instand gehalten. In besonders schlechtem Zustand befanden sich unter Zwangsverwaltung stehende Objekte, deren Eigentümer den Weg in den Westen gewählt hatten. Der Ruf nach dem Wegschieben und Plattmachen, um sodann in zeitgemäßer Architektur, wie sie in den westlichen Ländern zu besichtigen war, Neues zu errichten, war in Politik und Öffentlichkeit nicht zu überhören.

In diesem Spannungsfeld erfolgte die Bereitstellung von öffentlichen Mitteln, zunächst für die Sicherung von geschützten Denkmalen und später im Rahmen der Städtebauförderung mit dem Programm Städtebaulicher Denkmalschutz für die vielfältigen Aufgaben der Stadterhaltung. Es ermöglicht die gezielte Durchführung von Sicherungs- und Erneuerungsmaßnahmen an Denkmalen und stadtbildprägenden Gebäuden in ausgewählten historischen Stadtkernen  und die zeitgemäßen Anforderungen entsprechende Wiederherstellung des öffentlichen Raums, d.h. von Straßen, Wegen und Plätzen. Im Vorfeld zu diesen Baumaßnahmen galt es die unterirdische städtische Infrastruktur zu erneuern. Kanalisationen wurden neu oder gar erstmals verlegt, Trinkwasserleitungen erneuert und Gasnetze installiert.

KARTE_AG.jpgIm Jahr 1992 schlossen sich mehrere Städte zu einer kommunalen Arbeitsgemeinschaft (KAG) zusammen. Die Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen des Landes Brandenburg wurde gegründet, um Erfahrungen auszutauschen, Fachwissen zu vermitteln und gemeinsame Aktivitäten zur Unterstützung der Sanierung der historischen Bausubstanz auf den Weg zu bringen.

Ganz konkrete Fragestellungen des Bauens, der Denkmalpflege, der Finanzierung und Organisation standen im Mittelpunkt, denn die historischen Stadtkerne waren über viele Jahre hinweg Großbaustellen. In diesem Zuge sortierte sich auch die Bewohnerschaft neu. Selbstnutzende Einzeleigentümer verblieben zum überwiegenden Teil in ihren Immobilien und investierten, soweit ihre wirtschaftliche Situation das zuließ. Die Neueindeckung des Daches, der Einbau einer Zentralheizung und der Austausch der Fenster und der Haustür hatten besonders hohe Priorität. Diese schnellen Investitionen wirkten sich nicht immer positiv auf das Stadtbild aus. Andere Objekte wurden leergezogen bzw. leerten sich, weil ihre Bewohner abwanderten oder in die in anderen Stadtlagen bzw. im Umland entstehenden besser ausgestatteten Wohnungen umzogen. Erste zeitgemäß ausgestattete Mietwohnungen entstanden und erfreuten sich unmittelbar einer guten Nachfrage. In der Zeit von Mitte bis Ende der 1990er Jahre kristallisierten sich einzelne Städte heraus, die sich durch ihre günstige Lage bzw. durch eine lokal und regional erstarkende Wirtschaftsstruktur, besonders dynamisch entwickelten. Hier wurden die historischen Stadtkerne als Wohnstandorte wiederentdeckt und konnten sich gegenüber anderen Wohnlagen zunehmend etablieren. Die neuen Eigentümer begannen bewusst in die gestalterische Qualität ihrer Häuser zu investieren, Gestaltungsvorgaben und einschlägige Vorschriften stießen zunehmend auf Akzeptanz. Damit einhergehend entwickelte sich ein lebendiges städtisches Leben. Traditionelle und neu eingeführte Feste, vielfältige kulturelle Angebote, Märkte und anderes mehr wurden fester Bestandteil des Lebensalltags. Diese Prozesse vollzogen sich zeitlich etwas versetzt auch in historischen Stadtkernen, die aufgrund der wirtschaftlichen Situation mit schlechteren Rahmenbedingungen klarkommen mussten. Kommunale Entscheidungsträger unterstützten im besten Fall durch kluge Entscheidungen bei der Wahl von Standorten für Schulen, Bibliotheken und weitere Einrichtungen der öffentlichen Infrastruktur oder eben auch durch den Verzicht auf Handelsstandorte, die in Konkurrenz zur Kernstadt stehen würden.

Heute sind die historischen Stadtkerne gerettet, d.h. der Verfall ist gestoppt, und auch wenn es weiter wichtige bauliche Herausforderungen gibt, ist der Gesamteindruck doch überwiegend positiv. Die Zusammenarbeit der heute 31 Städte, die in der Arbeitsgemeinschaft vertreten sind, wird erfolgreich fortgesetzt. Neben den Fachfragen des Bauens sind es heute Themen wie Stärkung des Einzelhandels, touristische Angebote, Klimaschutz, kulturelle Profilierung u.a.m., die im Mittelpunkt stehen. Die Organisationsstruktur ist übersichtlich und praktikabel: Es gibt vier Regionalgruppen mit jeweils 6-8 Städten, die sich regelmäßig treffen. Diese Gruppen haben jeweils einen Vorsitzenden, die gemeinsam den Vorstand bilden. Zusätzlich wählen alle Städte alle vier Jahre einen Bürgermeister als Vorsitzenden und Sprecher der gesamten Arbeitsgemeinschaft. Je nach Stadtgröße, d.h. nach Anzahl der Einwohner, leisten die Städte einen jährlichen Mitgliedsbeitrag. Zusätzliche Projektmittel und finanzielle Unterstützungen Dritter ermöglichen beachtliche gemeinsame Arbeitsprogramme. Eine Geschäftsstelle, die bei einem freien in Potsdam ansässigen Dienstleister – der complan Kommunalberatung – verortet ist, steuert und koordiniert die vielfältigen Aktivitäten.

AG_Struktur.jpgZur inhaltlichen Bündelung ihrer Aktivitäten wählt die Arbeitsgemeinschaft jährlich ein übergeordnetes Thema. Im Jahr 2016 steht das Handwerk im Fokus. Unter dem Titel „Alte Stadt – Museum oder Zukunftslabor“ werden in ausgewählten Städten im Stadtraum Ausstellungstafeln präsentiert und begleitende Veranstaltungen wie Stadtführungen, Lesungen und Vorträge  bereichern das Programm.

Seit vielen Jahren wird jeden Monat in einer anderen Stadt ein Denkmal für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und mit einem kleinen „Fest“ gefeiert. Der Eigentümer erhält eine Urkunde und eine Plakette, die am Gebäude befestigt wird. 
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Zusätzlich dokumentiert der jährliche Wandkalender die zwölf Denkmale des Monats. In jedem Sommer tourt eine Theatergruppe mit einem anderen Stück durch die Städte und spielt auf Marktplätzen, in Höfen und Parks.
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So teilen sich die Städte die Aufwendungen und ziehen Besucher in ihren Stadtkern. Das touristische Marketing ist eine wichtige gemeinsame Aufgabe. Die Marke „Historischer Stadtkern“ hat sich etabliert, wobei das Spektrum von Ausschilderungen an den Straßen, Informationssäulen in den Städten, beschilderten Radrouten, Broschüren und konkreten touristischen Angeboten reicht.
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Die Kontinuität von Aktivitäten basiert auf der gewachsenen Zusammenarbeit und der gemeinsamen Überzeugung, dass sich im Verbund der Austausch von Wissen optimal gestalten lässt, und dass die Bedeutung historischer Stadtkerne für die jeweiligen Städte und das Land im Zusammenwirken besser herausgestellt und vermittelt werden kann. Die historischen Stadtkerne haben sich in den vergangenen 25 Jahren neu gefunden und erfunden. Die jetzt erreichte vergleichsweise komfortable Situation stellt die Städte und damit auch die Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen des Landes Brandenburg vor eine unerwartete Herausforderung. Das neu entstandene Interesse an historischen Stadtkernen, die bislang nicht gekannte „Altstadtlust“ kann Schwung geben, um weitere Impulse, belebende Nutzungen und neue Stadtbewohner zu gewinnen. Das gilt auch oder gerade in von Strukturwandel und demografischen Veränderungen besonders betroffenen Städten, die sich mit den Stadtkernen bereits profiliert haben und nun konsequent auf bisherigen Erfolgen aufbauen können. 
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Mehr unter: www.ag-historische-stadtkerne.de.

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