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Grüne Infrastrukturen als Element der nachhaltigen Stadtentwicklung: Hemmnisse und Erfolgsfaktoren der Umsetzung

Ein Artikel von Dr. Darla Nickel vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu)

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Multifunktionale Grüne Infrastrukturen

Grüne Infrastrukturen sind vielfältige kleine oder auch große Grünflächen, die Nutzen für Mensch und Natur stiften können. In Städten reichen sie von gebäudeintegrierten, semi-technischen Systemen wie begrünten Dächern und Fassaden bis hin zu privaten und öffentlichen Grünflächen wie Gärten, Parks, begrünten Verkehrswegen und stadtnahen Wäldern. Zählt man natürliche und künstliche Gewässer dazu, dann wird auch von grün-blauen Infrastrukturen gesprochen.

Grüne Infrastrukturen können Naherholungsmöglichkeiten für die Stadtbewohner aufwerten oder auch erst schaffen. Sie können zum Erhalt oder zur Wiederherstellung von Ökosystemen und zur Verbesserung der Artenvielfalt einen Beitrag leisten. Sie können durch eine erhöhte Verdunstung und insbesondere durch Beschattung zu einer besseren Regulierung des Stadtklimas beisteuern. Und sie können als dezentrale Maßnahme der Regenwasserbewirtschaftung – strategisch eingesetzt - die Kanalisation und die Oberflächengewässer entlasten und vor Überflutung schützen.

Die Nutzung grüner Infrastrukturen als Element der Stadtentwicklung hat in Deutschland Tradition. Gerade die Begrünung von Dächern als ökologische Maßnahme oder die Erhaltung von "Frischluftschneisen" ins Stadtinnere kommen seit Jahrzehnten zum Einsatz. Heute gewinnen grüne Infrastrukturen wieder an Bedeutung. Dies liegt daran, dass sie als eine vielversprechende Strategie zur Förderung der städtischen Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit gegenüber vielfältigen Auswirkungen von Veränderungsprozessen wie dem Klimawandel gesehen werden. Vor dem Hintergrund der Verdichtung der Städte und der starken Nutzungskonkurrenz um den verfügbaren Raum, erhofft man sich von grünen Infrastrukturen eine multifunktionale und effiziente Raumnutzung.

Grüne Infrastrukturen sollen also einerseits viele Funktionen erfüllen, andererseits konkurrieren sie mit weiteren Nutzungen – Wohnen, Gewerbe und Industrie, Verkehr, öffentliche Einrichtungen, Friedhöfe, etc. – um die begrenzten urbanen Flächen. Damit die grünen Infrastrukturen die gewünschten Wirkungen tatsächlich entfalten können, gilt es, im Rahmen einer strategischen Stadtentwicklung die Entwicklung von multifunktionellen grünen und blauen Infrastrukturen mit der Entwicklung weiterer städtischer Infrastrukturen zusammenzuführen und die verschiedenen Flächennutzungen gegeneinander abzuwägen. Dies erfordert neben Wissen bezüglich der tatsächlichen erzielbaren Wirkung von grüner Infrastrukturen auch eine Abstimmung zwischen den vielfältigen verantwortlichen Akteuren und Interessensträger sowie eine integrierte Planung.

Das Forschungsprojekt KURAS

Das Deutsche Institut für Urbanistik beschäftigt sich auf wissenschaftlicher Ebene praxisnah mit allen Aufgaben, die Kommunen heute und in Zukunft zu bewältigen haben. Ziel ist dabei stets, Lösungen für kommunale Probleme zu identifizieren und methodische Grundlagen sowie Rahmenbedingungen für deren Umsetzung zu erarbeiten. In verschiedenen Forschungsvorhaben werden auch die oben genannten Herausforderungen aufgegriffen. Aktuelle und relevante Ergebnisse sind aus dem interdisziplinären Forschungsprojekt KURAS "Konzepte für urbane Regenwasserbewirtschaftung und Abwassersysteme" verfügbar, das nach drei Jahren Laufzeit in Oktober 2016 zu Ende geht. KURAS findet in enger Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis und den Berliner Entscheidungsträgern statt. Die Projektkoordination liegt bei der Technischen Universität Berlin und dem Kompetenzzentrum Wasser Berlin.

Im Projekt KURAS wird exemplarisch für Berlin analysiert, welchen konkreten Beitrag grüne Infrastrukturen zur Verbesserung des Regenwassermanagements leisten können. Zum einen soll durch grüne Infrastrukturen – in Verbindung mit klassischen Regenspeichern – eine Entlastung der zentralen Kanalisation und der Oberflächengewässer erzielt werden. Denn zunehmende Starkregenereignisse führen häufiger zur unkontrollierten Entlastungen der Kanalisation in die Berliner Gewässer, die ein wichtige Quelle für die Trinkwasserversorgung und ein zentrales Element der Naherholung darstellen. Zum anderen sollen sie gleichzeitig u.a. eine Verbesserung von Stadtklima, Biodiversität und Freiraumqualität in der dichtbebauten Innenstadt herbeiführen und dadurch weitere ökologische und Stadtentwicklungsziele adressieren. Im Mittepunkt stehen viele kleine im Stadtgebiet verteilte dezentrale Maßnahmen der Regenwasserbewirtschaftung, wie Gebäudebegrünung, Versickerungsmulden, oder künstliche Gewässer. Ihre jeweiligen Wirkungen werden durch Indikatoren beschrieben und für konkrete Maßnahmenplanungen in zwei Berliner Bezirke quantifiziert.

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Erkenntnisse aus der Stakeholdereinbindung

Das Difu ist für die Organisation der Stakeholdereinbindung im Projekt KURAS zuständig. Über die Dauer des Projektes wird ein Stakeholderkreis mit Vertretern der Landes- und Bezirksverwaltungen und des städtischen Wasserdienstleisters sowie aus den Bereichen Stadtentwicklung, Umweltschutz, Grundstückseigentümer und -verwaltung, etc. zu regelmäßig stattfindenden Foren eingeladen. Im Rahmen der Foren wurden bislang

  • die jeweiligen Entwicklungsziele und Problemlagen in den zwei Beispielbezirke als Grundlage für die Maßnahmenplanung im Projekt diskutiert und priorisiert,
  • die Schnittstellen zwischen wasserwirtschaftlichen auf der einen Seite sowie formellen und informellen städtischen Planungsprozessen auf der anderen erörtert und
  • zentrale Risiken, Hemmnisse und Erfolgsfaktoren für eine erfolgreiche strategische Umsetzung von grünen Infrastrukturen identifiziert.

Während die ersten zwei Punkte stark Berlin bezogenes Wissen generierten, haben die Diskussionen zu den Hemmnissen und Erfolgsfaktoren auch übertragbare Erkenntnisse zu Tage gefördert, welche hier nur zusammengefasst wiedergegeben werden:

  • Wissens-, Struktur- und Kapazitätsdefizite:  
    Ein zentrales Umsetzungshemmnis stellen Wissens-, Struktur- und Kapazitätsdefizite in der Verwaltung dar. Zum einen fehlen Kenntnisse über grüne Infrastrukturen und über ihre Wirkungen und Kosten. Ihre Umsetzung setzt zudem ein interdisziplinäres Arbeiten und Planen voraus, das so in den Bereichen Stadt-, Raum- und Infrastrukturentwicklung nicht etabliert ist. Die Rollenverteilungen bzw. die Verteilung von Entscheidungskompetenzen sind diesbezüglich (noch) nicht klar geregelt. Dies paart sich mit einem grundsätzlichen Mangel an zeitlichen Kapazitäten, sich mit dem komplexen Sachverhalt auseinander zu setzen.
  • Organisation von Pflege bzw. Betrieb und Wartung: Die regelmäßige Pflege bzw. der sichere Betrieb sowie die Wartung und Instandhaltung von grünen Infrastrukturen ist ebenso erforderlich wie bei herkömmlichen technischen Infrastrukturen. Werden sie „sich selbst überlassen“, wird ihre Funktionstüchtigkeit gefährdet. Dies birgt gesundheitliche, bauliche und finanzielle Risiken. Es bedarf vor allem eine realistische Abschätzung des (zeitlichen und finanziellen) Aufwands sowie die Schaffung von Organisationsmodelle und die Vorhaltung der nötigen Kompetenzen.
  • Bewusstsein/Akzeptanz: Private Eigentümer, Architekten und Investoren sind wichtige Maßnahmenträger für die Umsetzung im Bestand und im Neubau, ohne deren Mitwirken die Regenwasserbewirtschaftung in der Breite nicht umzusetzen ist. Mitunter herrscht eine Ablehnung aus ästhetischen Gründen, aus Gründen der architektonischen Freiheit oder aufgrund eines formulierten städtebaulichen Leitbilds. Grüne Infrastrukturen sind eine technische „Sonderlösung“, für die wenig Akzeptanz vorliegt. Ähnlich wie auf Ebene der öffentlichen Verwaltung ist auch im privaten Sektor eine Bewusstseinsänderung notwendig.
  • Finanzierungsfragen, fehlende Anreize: Im Stadtraum verteilte semi- und dezentrale Maßnahmen führen zu einer Verschiebung der Maßnahmen- und damit auch Kostenträger, und zwar innerhalb des öffentlichen Sektors aber auch in den privaten Sektor hinein. Grüne Infrastrukturen haben gleichzeitig einen Nutzen für unterschiedliche Bereiche bzw. Akteure, der im Verhältnis zu den Kosten gesetzt werden muss. Das neue Verhältnis von Kosten und Nutzen, wobei Letzteres von der subjektiven Wahrnehmung abhängt, spiegelt sich noch nicht in den Gebührenstrukturen und (finanziellen) Anreizinstrumenten wieder.

Deutlich wird in dieser Auflistung, wie stark die Hemmnisse ineinander greifen, ja ein Komplex darstellen. Etwaige Lösungen müssen vor dem Hintergrund einer konkreten Stadt mit ihren individuellen Herausforderungen, Zielsetzungen, Verwaltungsstrukturen sowie Akteurs- und Stakeholderkonstellationen gefunden werden. Zweifelsohne liegt jedoch ein zentraler Erfolgsfaktor in dem übergeordneten politischen Wille bzw. Unterstützung. Mit politischer Unterstützung können z.B. die nötigen Kapazitäten freigegeben werden, um Wissens- und Strukturdefizite zu überwinden und sich innerhalb der Verwaltung interdisziplinär zu vernetzen. Ein weiterer Ausdruck politischen Willes zeigt sich durch die Wahrnehmung einer Vorbildfunktion durch Umsetzung von grünen Infrastrukturen (zur Regenwasserbewirtschaftung, etc.) auf öffentliche Flächen (Schulen, Straßen, Parks).

Eine Konkretisierung politischen Willens liegt in der Definition von übergeordneten Zielsetzungen bzw. Vorgaben. Diese können an verschiedenen Stellen ansetzen (z.B. Klimaanpassung, Gewässerschutz, Aufwertung Naherholung, etc.) und je nach Verbindlichkeit einen mehr oder weniger starken Umsetzungsimpetus geben. Eine Möglichkeit bieten z.B. informelle Strategien der Stadtentwicklung, die als Orientierungsrahmen für die Planung dienen können. Eine weitere Möglichkeit ist die Schaffung von Verbindlichkeiten durch städtebauliche Verträge mit Investoren für Neubaugebiete, die im anschließenden Bauleitprozess berücksichtigt werden müssen. Schließlich würde beispielsweise die verbindliche Definition von Einleitbeschränkungen für Regenwasser in die öffentliche Kanalisation bzw. in die Gewässer basierend auf den natürlichen Gebietsabfluss, ein dezentrales Regenwassermanagement mit Hilfe von grünen Infrastrukturen vor Ort bewirken. Alle hier genannten Ansätze haben gemeinsam, dass sie eine möglichst frühzeitige Abwägung von Stadtentwicklungsziele und die entsprechenden Flächennutzungen im Planungsprozess voraussetzen.

Das Projekt KURAS wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Fördermaßnahme „Intelligente und multifunktionelle Infrastruktursysteme für eine zukunftsfähige Wasserversorgung und Abwasserentsorgung“ (INIS) gefördert.

S. auch KURAS

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